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Inkontinenz beim älteren Menschen Inkontinenz kommt
bei älteren Menschen sehr häufig vor. Eine Untersuchung der
70 jährigen in der schwedischen Stadt Göteborg ergab, das
60% von ihnen mehr oder weniger starke Probleme beim Wasserlassen haben.
Ein Viertel der Befragten erklärte, so heftigen Harndrang zu haben,
daß sie zu ängstlich seien, das Haus für längere
Zeit zu verlassen. Inkontinenz ist heute mit einer der häufigsten Anlässe für eine Klinik- oder Pflegeheimeinweisung. In einer 1976 durchgeführten
Studie an 500 Patienten in einer Geriatrischen Klinik wurde festgestellt,
daß 75% der Patienten harninkontinent waren. Sämtliche
Patienten mit der Diagnose "Senile Demenz" waren inkontinent.
Das Ergebnis deckt sich mit denen anderer Krankenhäuser in verschiedenen
Ländern. So wurde beispielsweise die Muskelkraft einer Gruppe jüngerer und älterer Personen gemessen und miteinander verglichen. Es zeigte sich, daß ein teil der älteren Leute physisch besser trainiert war und eine stärkere Muskelkraft entfalten konnte als ein Teil der Jüngeren. In den Alterungsprozess gehen also unterschiedliche Aspekte ein. Andererseits gibt es auch viele Menschen, die Inkontinenz nicht kennen. Manche lösen ihr Problem durch kleine Kniffe, wie eine geringere Trinkmenge, Bettflaschen oder Bettschüsseln, schwache Beleuchtung im Schlafzimmer, um die Toilette sicher und schnell erreichen zu können. Versuchen wir
nun diese Alterungstheorie auf die Harnblase zu übertragen Erkrankungen der Prostata sind die häufigste Ursache einer Inkontinenz bei älteren Männern. Ist ein Harnwegsinfekt Ursache der Inkontinenz, gehen die Beschwerden unter dessen Behandlung meistens zurück. Eine Störung der Harnblasenfunktion darf beim älteren Menschen nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden. Die übrigen körperlichen Funktionen sind ebenso zu berücksichtigen, gleichfalls auch das soziale Milieu, in dem der ältere Mensch lebt und durch welches er in seiner Gesamtheit beeinflußt wird. Nur wenig ist so stark mit Vorurteilen behaftet wie gerade das Alter. Die Erwartungen,
die man an ältere Menschen stellt, sind oft negativ gefärbt.
Mit Alt verbindet man oft abwertende Worte wie "Alt und krank",
"alt und häßlich","alt und Grau", usw.
Es gibt aber auch den Gegensatz: "alt und weise", " alt
und abgeklärt", diese positiven Attribute werden aber sehr
sparsam gebraucht. Als Grund für das allgemein geringe Interesse, das älteren Menschen nach der Pensionierung zuteil wird, führt man oft die Tatsache an, daß sie nicht mehr am gesellschaftlichen leben teilnehmen. Kann das mangelnde Interesse auch damit zusammenhängen, daß keiner sich selbst für alt hält und sich deshalb nicht in die Situation älterer Menschen hineinzudenken vermag? Vielleicht ist die Tatsache, daß wir uns nie selber als alte Menschen sehen der Grund für die Vorurteile und der Grund für das mangelnde wissen über das altern. Die häufig gestellte Frage, wann denn jemand alt ist, läßt sich am ehesten mit folgender Definition beantworten.: Ein Mensch ist dann alt, wenn er älter wirkt als er sich selber einschätzt. Wie oft hört man Ältere Menschen sagen: Man ist nicht Älter als man sich fühlt - und ich fühle mich nicht alt. Wie geht es aber diesen Menschen, wenn sie von ihrer Umgebung als alt angesehen werden? Welche Konsequenzen entstehen bei Kontrollverlust über die blasenfunktion in einer verständnislosen Umgebung. Ich möchte die Frage mit weiteren Beispielen Beantworten, um so die Situation, in der sich viele ältere Menschen befinden, besser zu beleuchten und um ein Gesamtbild ihrer Inkontinenzprobleme zu geben zu können. Die faltige Haut des Menschen ist ein Zeichen des Alters, welches früh von der Umgebung wahrgenommen werden kann. Ein anderes Merkmal kann die verminderte Blasenkapazität sein, die dazu führt, daß die Harnblase häufiger entleert werden muß. Das Altern kann aber auch aus sozialer und psychologischer Sicht betrachtete werden. Dabei untersucht man, wie die Stellung des Menschen in der Gesellschaft das Altern beeinflußt und welche Wirkungen das Altern auf einen Menschen haben kann. Es gibt ein Sprichwort, welches lautet: "Wie gegangen, so empfangen". Für den älteren Menschen kann dies beispielsweise bedeuten, daß er trotz geistiger Frische immer wieder an seine körperlichen Gebrechen erinnert wird. Es kann schließlich dazu führen, daß man durch die geringen Erwartungen der anderen resigniert und in seiner Vitalität und intellektuellen Leistungsfähigkeit nachläßt. Man erlebt sich selbst ja ständig im Vergleich zu anderen. Man hat gewisse Rollen, die man durch das ganze Leben hindurch einnimmt: Eine Berufsrolle, eine Partnerrolle, eine Elternrolle, usw. Je älter man wird, um so mehr Rollen verliert man. Die Berufsrolle, die vielleicht die meiste Verantwortung und das höchste Ansehen brachte, geht mit der Pensionierung verloren. Der Tod des Partners führt zu einer weiteren Rollenaufgabe. Das Gefühl, für jemanden wichtig zu sein, schwindet. Es kommt zu einem Verlust der Identität. Man wird unsicher und empfänglicher für die Erwartungen und Werteinschätzungen der Umgebung. Wenn diese glaubt, das man nichts zu bewältigen vermag, schafft man auch nichts. Ein Mensch, der als alt angesehen wird, betrachtet sein Unvermögen, den Urinabgang zu kontrollieren unter Umständen als ein natürliches Alterszeichen und sucht deshalb keinen Arzt auf. Denn in die Hose zu machen ist unanständig und vor allem spricht man nicht darüber. Der medizinische Begriff "Inkontinenz" ist auch für diejenigen, die deshalb in Behandlung sind, unbekannt. "Herzinfarkt" dagegen ist ein geläufiger Begriff. Man kann gut darüber sprechen und braucht sich dessen nicht zu schämen. Der Inkontinente versucht alles, um sein Problem zu verheimlichen. Es ist üblich, sein Problem zu verleugnen, obwohl man es riecht oder sieht. Der Inkontinente wagt nicht, einkaufen zu gehen und besucht keine Freunde, aus Angst nicht dichthalten zu können oder daß der Geruch ihn verrät. Viele vermeiden es, Besuche zu empfangen und verlieren dadurch die Gemeinschaft und den Kontakt, den alle Menschen brauchen. Das Leben für den Inkontinenten wird Trost und inhaltslos. Die Angst, Nachts ins Bett zu machen, verursacht Schlafstörungen. Viele schlafen auch deshalb schlecht, weil der Tag so leer und eintönig war. Allmählich können sich schwere angstzustände entwickeln. Man erwacht frühmorgens mit Angst vor dem kommenden inhaltslosen Tag. Der Kontakt zur Außenwelt durch Fernsehen Rundfunk und Zeitungen kann auch dadurch verloren gehen, weil Sehkraft und das Gehör nachlassen. Allmählich wird die Isolation vollständig. Passivität droht, wenn man in dieser scheinbar hoffnungslosen Situation resigniert. Die Passivität kann zum Dahinsiechen führen. Genauso, wie sich die Muskeln unter einem Gipsverband zurückbilden, können die intellektuellen Fähigkeiten verkümmern, wenn sie keine Anregung mehr erhalten. Die Isolation ist eine Gefahr für die geistige Gesundheit und kann zu zunehmendem körperlichen Verfall führen. Inkontinenz ist daher ein häufiger Anlaß für eine Aufnahme in ein Pflegeheim. Für viele bedeutet die Aufnahme in eine solche Institution Erleichterung und Geborgenheit nach längerer Isolation Zuhause und nach aufwendiger, beschwerlicher persönlicher Pflege infolge der Inkontinenz. Andere werden durch den Heim oder Krankenhausaufenthalt ihrer vertrauten Gemeinschaft entrissen. In der für sie beängstigenden und unbekannten Umgebung müssen sie eine neue Rolle übernehmen, oder sie erleiden einen Identitätsverlust. Die Unruhe, nicht wieder gesund zu werden, macht unsicher und abhängiger von der Haltung der Umgebung. Man weiß nicht welche Erwartungen an einen gestellt werden, deshalb stellt man auch keine an sich selbst. Man wird leicht ein passiver Empfänger der angebotenen Pflege. Abhängigkeit von anderen kann Minderwertigkeitsgefühle erzeugen, genauso wie das Unvermögen, seine eigenen natürlichen Funktionen kontrollieren zu können. Der Wille, wieder gesund zu werden, kann verloren gehen, weil man glaubt, nichts mehr zu haben, wofür es sich zu leben lohnt. Dadurch dauert die Genesung viel Länger. Man wagt nicht, nach einfachen Dingen, etwa den Weg zur Toilette zu fragen. Man bittet nicht um die Bettschüssel, wenn man glaubt, daß das Personal es eilig hat. Vielleicht wird um Hilfe gebeten, aber das Bedürfnis, die Blase zu entleeren, ist so dringend, daß das Bett bereits naß ist wenn Hilfe kommt. Passiert das Mißgeschick häufiger, leidet das Selbstwertgefühl. Versuche, sich trocken zu halten, werden aufgegeben. Wenn wir uns nun das Faktorengflecht der Inkontinenz bei Älteren Menschen betrachten, so läßt sich daraus folgender Schluß ableiten: Viele Verwirrte werden Inkontinent, viele Inkontinente werden verwirrt. Wer Zuhause inkontinent wird, der wird gemieden und häufig aus diesem Grund in eine Krankenhaus oder Heim eingewiesen. Diese Einweisung verwirrt den Betroffenen. War er bereits vorher mäßiggradig verwirrt, aber in seiner gewohnten Umgebung stabil und relativ ausgeglichen, so kann sich die Desorientierung drastisch verstärken. Der Kranke vergißt, auf die Toilette zu gehen oder findet sie in der fremden Umgebung nicht, weil niemand ihm Hinweise gibt. Die Folge ist, daß Inkontinenz und Verwirrtheit zunehmen. Wir müssen versuchen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Woran erkennen
wir nun eine beginnende Inkontinenz beim verwirrten alten Menschen?
Die Erlebniswelt
des Inkontinenten Die Inkontinenz wird oft aus Scham und Verlegenheit verleugnet, die Kleidung wird vernachlässigt und die Angst, die Toilette nicht rechtzeitig aufzufinden ist ein ständiger Begleiter. Im Bett fühlt sich der Inkontinente sicherer, dadurch verschlechtert sich sein Allgemeinzustand, er verliert Kontakte, isoliert sich und fühlt sich ausgegrenzt. Wenn er von Betreuenden geschimpft wird, weil er unter sich gelassen hat, stellen sich Schuldgefühle und Depression ein. Er wird verwirrt, weil er nicht wagt einzuschlafen, aus Angst, nicht rechtzeitig zur Toilette zu kommen. Durch das Mitleid von Mitbewohnern und Angehörigen fühlt er sich unterlegen und entmutigt. Wie reagieren
Angehörige, Nachbarn oder Bekannte auf die Inkontinenz eines Verwirrten? Manche Mitbewohner im Heim fühlen sich benachteiligt und vernachlässigt, weil sich die Pflegenden mehr um die Inkontinenten kümmern, bis sie aggressiv werden und mit den Kranken nicht mehr sprechen. Daraus folgen Schuldgefühle und Mitleid der Mitbewohner.
Was fühlen
die Pflegepersonen? Literatur: GROND - Pflege Inkontinenter Arbeitsbuch für Unterrichdente in der Kranken- und Altenpflege und für Inkontinenzberater1. Auflage 1993 Brigitte Kunz Verlag , Hagen |
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