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Inkontinenz ist ein "heimliches" Volksleiden mit schätzungsweise 4 - 5 Millionen Betroffenen in Deutschland

Jeder zehnte Deutsche über 45 Jahre leidet unter Inkontinenz (=i.w. Blasenschwäche). Der unfreiwillige Harnabgang ist zu einem 'heimlichen Volksleiden' geworden. Die wenigsten wollen dabei mit Anderen über ihr Problem sprechen. Viele Betroffene vertrauen sich noch nicht einmal ihrem Hausarzt an, greifen aus Unkenntnis zu unzweckmäßigen Hilfen und meiden aus Angst, man könne ihr Problem bemerken, sogar den Kontakt zu anderen Menschen. In vielen Fällen lässt sich Blasenschwäche heilen, zumindest deutlich bessern oder mit Hilfsmitteln so versorgen, dass ein nahezu normales Leben möglich ist.


Was ist Inkontinenz?
Der Arzt unterscheidet verschiedene Formen der Inkontinenz, wie die Blasenschwäche in der Fachsprache heißt. Die weitaus meisten Betroffenen leiden unter einer so genannten „Stress-Inkontinenz“, einer „Drang-Inkontinenz“ oder einer Mischform aus beiden.

Die Stress-Inkontinenz
Wer unter dieser Form der Blasenschwäche leidet, verliert immer dann unfreiwillig Urin, wenn erhöhter Druck im Bauchraum von oben die Blase bedrängt. Das kann beim Sport der Fall sein, aber auch beim Niesen, Bücken oder Lachen. Bei sehr stark ausgeprägter Inkontinenz auch schon beim Herumlaufen. Betroffen sind vor allem Frauen über 40 Jahre.
Schuld ist meist eine zu schwache Beckenbodenmuskulatur. Die extreme Dehnung dieser Muskelschichten bei Geburten, eine Gebärmuttersenkung, hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren oder starkes Übergewicht können dazu führen, dass der Beckenboden nicht mehr stark genug ist, dem Druck, der von oben auf die Blase wirkt, genug Widerstand entgegenzusetzen.
Das Wichtigste ist, die Beckenbodenmuskulatur zu stärken. Leichtere Stress-Inkontinenz kann meist schon allein durch zwei bis drei Monate fleißiges Üben beherrscht werden. Schwere Inkontinenzgrade lassen sich damit zumindest lindern. Die Muskeln, um die es geht, spüren Sie, wenn Sie so tun, als möchten Sie den Urinstrahl beim Wasserlassen unterbrechen.
Wenn Sie mit Beckenbodengymnastik allein nicht zurechtkommen und nicht spüren, ob Sie die richtigen Muskeln anspannen, sollten Sie das Training unter fachlicher Anleitung erlernen. Kurse gibt es in Fachkliniken, spezialisierten Arztpraxen oder an Volkshochschulen.
Auch der Einsatz von Biofeedback-Geräten oder die Kombination mit einer Elektrostimulationsbehandlung hilft, die richtigen Muskeln zu trainieren.
Frauen nach den Wechseljahren kann eine Östrogentherapie helfen. Bei sehr schwerer Inkontinenz wird der Arzt eventuell zu einer Operation raten.

Die Drang-Inkontinenz
Typische Zeichen für diese Inkontinenzform sind häufiger, sehr starker Harndrang, der sich oft schon auf dem Weg zur Toilette nicht mehr beherrschen lässt. Das Wasserlassen ist nicht schmerzhaft.
Die Blase der Betroffenen reagiert überempfindlich, wenn sie größere Mengen speichern soll, und setzt den Blasenverschluss außer Gefecht, obwohl sie noch nicht gefüllt ist. Meist sind die Dehnungsfühler der Blase überreizt. Schuld daran können durchgemachte Blasenentzündungen sein, aber auch falsche Sauberkeitserziehung in der Kindheit, altersbedingte Gewebeveränderungen oder seelische Belastungen. Oft stecken die Betroffenen in einem Teufelskreis: Der intensive Harndrang und die Angst vor dem „Malheur“ zwingt sie zu häufigen Toilettengängen. Weil die Blase so immer mehr verlernt, sich zu dehnen, setzt der Harndrang immer früher ein.
Hat der Arzt andere Ursachen wie eine bestehende Blasenentzündung, Steine oder Tumoren ausgeschlossen, können Sie Ihre Blase trainieren. In leichten Fällen von Drang-Inkontinenz reichen oft schon ein paar Tricks: Harndrang hält nur etwa fünf Minuten an. Wenn Sie diese Zeit durchhalten, beruhigt sich die Blase wieder.
Rennen Sie niemals los, wenn der Harndrang gerade sehr stark ist. Das Laufen erzeugt nämlich zusätzlich Druck. Setzen Sie sich statt dessen hin, und beugen Sie Ihren Oberkörper nach vorne, als ob Sie Ihre Fußknöchel umfassen wollen. Dadurch lässt der Harndrang meist nach. Wenn der stärkste Drang vorüber ist, atmen Sie ruhig aus und gehen langsam zur Toilette.
Reichen diese Tricks nicht, können Sie mit einem Miktionstraining (Miktion ist der medizinische Ausdruck für Wasserlassen) Ihre Blase systematisch umerziehen.
Der Arzt wird Sie zunächst bitten, ein Protokoll zu führen, in dem Sie ein paar Tage lang jedes Wasserlassen nach Uhrzeit, Harnmenge und Intensität des Harndrangs eintragen. Im zweiten Schritt werden Sie dann lernen, die Abstände zwischen den Entleerungen systematisch zu verlängern. Das Miktionstraining kann der Arzt mit Medikamenten unterstützen, die die überaktive Blase beruhigen. Verschreibungspflichtige Wirkstoffe, die das können, sind z.B. Oxybutynin, Propiverin, Trospiumchlorid oder Tolterodin.

Wie kommt es zur Inkontinenz?
Inkontinenz kann verschiedene Ursachen haben. Es können von Geburtsfehlern (zu kleine Blase, Schwache Muskulatur etc.) über Psychologische Probleme, Abnützungserscheinungen bis zum Unfall entstehen. Es ist auch keine Schande wenn man Inkontinent ist. Vielen Leuten ist es peinlich das Haus zu verlassen. Man sollte sich jedoch auch wenn man diese Krankheit hat nicht einfach absondern. Mit den heutigen Hilfsmitteln lässt sich auch bei einer stärkeren Inkontinenz ein fast normales Leben führen.

Was tun wenn Sie merken dass mit der Blase was nicht mehr stimmt?
Sie sollten sofort wenn Sie bemerken dass Sie unbewusst Urin verlieren einen Arzt aufsuchen und mit Ihm das Problem zu besprechen. Um so schneller Sie handeln um so besser sind die Chancen für eine Lösung des Problems. Wenn man dies auf die lange Bank schiebt ist es möglich, dass die Inkontinenz stärker wird und auch im normalen Alltag auftritt.

Soll ich ein Schutzsystem tragen?
Diese Frage wird sehr oft gestellt. Dies ist jedem selber überlassen ob er ein Schutzsystem wie Sicherheitseinlagen oder Windeln tragen will. Zum Empfehlen ist es. Vor allem für diejenigen die Tagsüber Urinverlust haben ist ein Schutzsystem sehr praktisch. Denn man hat nicht immer die Möglichkeit die nassen Kleider zu wechseln. Eine Windel hat in den meisten Fällen noch den Vorteil, dass nach einem Unfall mehrere Stunden kein Geruch durchgelassen wird. Die Handhabung der meisten Systeme ist sehr einfach. Der Nachteil ist dass es in den meisten öffentlichen Toiletten sehr mühsam ist die Windeln zu wechseln.

Auf was ist beim tragen von einem Schutzsystem zu beachten?
Wenn Sie sich für das Tragen eines Schutzsystems entscheiden sollten Sie unbedingt folgendes beachten. Die Vorlagen, bzw. Windeln sollten regelmässig gewechselt werden. Wenn die Vorlagen bzw. Windeln nass sind sollten sie ebenfalls so rasch als möglich gewechselt werden. Es ist sehr ungesund einen ganzen Tag in nassen Windeln herumzulaufen. Dies kann zu Blasenentzündungen und anderen Krankheiten führen. Das Schutzsystem sollte wirklich nur im Notfall verwendet werden. Der normale Toilettengang sollte weiterhin gemacht werden. Ansonsten gewöhnt sich der Körper dass er alle Geschäfte in die Windel machen soll und damit kann sich die Inkontinenz verstärken. Ebenfalls sollte auf eine gute Körperhygiene im Windelbereich geachtet werden. Dieser Teil sollte wenn möglich mehrmals im Tag gewaschen werden.

Soll man Kindern zwingen eine Windel zu tragen?
Viele Leute stellen sich diese Frage wenn Sie Kinder haben die an Inkontinenz leiden. Zwang ist in den meisten Fällen schlecht. Man sollte versuchen die Kinder zu überreden und Ihnen die ganze Sache so genau wie möglich zu erklären. Ebenfalls sollte man Ihnen sagen dass es auch besser für sie ist. Man kann die Vorteile des Schutzsystems genau erklären. Unterbreiten Sie Ihren Kindern den Vorschlag die ganze Sache einmal auszuprobieren und dann selber ein Urteil zu fällen. Ebenfalls sollte man erwähnen dass sehr viele ältere Kinder sogar Erwachsene dieses Problem haben und auch solche Sicherheitssysteme tragen. Die meisten Kinder werden auf solche Argumente positiv reagieren.

Wann und wie soll ich Windeln verwenden?
Sie sollten zuerst feststellen bei welchen Gelegenheiten Sie Urinverlust haben. Viele Leute haben nur Nachts Urinverlust, einige nur Tagsüber, wieder andere nur während dem Betreiben von Sport (z.B. beim Reiten). Sie sollten das Schutzsystem während dieser Zeit tragen, bei der Sie Unfälle haben. Wenn Sie nur Nachts Urinverlust haben ist es nicht nötig, dass Sie Tagsüber auch mit einer Windel herumlaufen. Wenn Sie auch zwischendurch Tagsüber Unfälle haben, ist es sicherlich angebracht auch ein Schutzsystem Tagsüber anzuziehen. Sie können auch verschiedene Schutzsystem verwenden z.B. Nachts eine Dicke Windel und Tagsüber ein Pad. Dabei sollten Sie auf jedenfalls beachten, dass das Schutzsystem, dass Sie auswählen auslaufsicher ist und soviel auch aufnimmt wie sie Verlieren. Es ist klar dass Sie unter Umständen eine dickere Windel auch Tagsüber anziehen müssen. Aber wenn Sie so eine benötigen sollten Sie diese auch tragen. Längerfristig macht sich das sicher auch ausbezahlt. Das Aussehen sollte neben der Sicherheit immer die 2. Rolle spielen. Die meisten Windeln lassen sich unter der entsprechenden Wäsche gut verstecken.

Wie kann ich das Schutzsystem verstecken?
Windeln und Einlagen lassen sich sehr gut unter etwas grösseren Hosen oder unter einem Rock sehr gut verstecken. Unter Jeans die etwa 2 Nummern grösser sind als diejenigen die Sie benötigen sind Windeln bis zu 2 cm Dicke praktisch nicht sichtbar. Sie müssen auch bedenken, die Leute, die Sie auf der Strasse schauen schauen ja nicht genau auf Sie um zu wissen, tragen Sie eine Windel oder nicht. Dabei ist man selber einiges Kritischer. Ebenfalls kann man einen Pulli über die Hosen ziehen, dann ist gar nichts mehr zu sehen. Sie können Sich auch ein par Kleidungsbeispiele anschauen, wie man die Windeln unter normaler Kleidung sehen bzw. nicht sehen kann.

Was soll man beim Kleiderkauf beachten?
Sehr viele Patienten müssen das Schutzsystem auch tagsüber tragen. Viele von den Betroffenen haben beim Kleiderkauf sehr grosse Panik. Einige lassen sogar das Schutzsystem beim kaufen von neuen Hosen einfach weg.
Wenn Sie neue Kleider (vor allem Hosen oder Jeans) kaufen gehen sollten Sie das Schutzsystem tragen. Sie sollten auch nicht ein speziell dünnes tragen, sondern das normale, welches Sie auch unter den Hosen in Zukunft verwenden. Damit das Schutzsystem beim wechseln der Hosen nicht zu stark bemerkt wird können Männer weite Boxershorts über dem Schutzsystem tragen und Frauen ebenfalls grosse Unterwäsche oder zur Not auch Boxershorts. Ebenfalls ist es empfehlenswert eine Person des Vertrauens mitzunehmen, der Ihnen sagen kann ob das Schutzsystem unter den probierten Kleidern zu sehen ist. Wenn man ohne ein Schutzsystem Kleider anprobiert, ist es sehr gut möglich, dass dann beim Tragen der Kleider mit Schutzsystem unerwartete Überraschungen auftreten. z.B. dass die Windel zu stark aufträgt oder oben bei der Hose rausschaut.

Kann man was gegen die Inkontinenz tun?
Gegen die Inkontinenz gibt es diverse Therapien und Medikamente. Damit eine rasche Heilung möglich ist sollten Sie so schnell wie möglich einen Arzt Ihres Vertrauens aufsuchen.

Kann man trotz der Inkontinenz ein normales Leben führen?
Ein ganz normales Leben ist mit einer Inkontinenz leider nicht mehr möglich. Man kann jedoch ein fast normales Leben führen die Einschränkungen sind je nach Einstellung zur Inkontinenz sehr klein bis sehr gross. Der Unterschied ist, dass die meisten Inkontinente Leute eine Windel tragen müssen, die ab und zu gewechselt werden müssen. Beim Sport sind theoretisch keine Grenzen gesetzt. Leider haben sehr viele Sportarten den Nachteil dass man enge Sportkleider tragen muss bei denen die Windeln sichtbar werden. Wem es nichts ausmacht dass man die Windeln sieht kann ohne Einschränkung alle Sportarten inkl. Schwimmen betreiben. Für Inkontinente gibt es heutzutage spezielle Badehosen, bei denen entweder eine Windel integriert ist oder die Windel getragen werden kann. Leider tragen diese Badehosen auch stark auf. Jeder muss selber entscheiden welche Sportarten er betreiben will.

Weitere Informationen
Weitere Infos und Serviceleistungen der Gesellschaft für Inkontinenzhilfe (GIH) finden Sie unter: www.gih.de


© Dr. rer. medic. Jürgen W. H. Niebuhr