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Anatomie und Funktion von Niere und der ableitenden Harnwege

Um nun besser verstehen zu können, wie die verschiedenen Arten von Blasenentleerungsstörungen entstehen, ist es notwendig, den Bau der Harnwege zu kennen sowie den Mechanismus der normalen Blasenentleerung zu verstehen. Die Harnorgane bestehen aus den Nieren, den Harnleitern, der Harnblase und der Harnröhre.

Die Blasenentleerung erfolgt durch Nervenimpulse, die ein Zusammenspiel zwischen Gehirn, Rückenmark und Harnblase erfordern.



Nieren
Die Nieren sitzen tief im oberen Teil der Bauchhöhle, in der Höhe der untersten Rippen, rechts und links vom Rückgrat.
Sie haben die Form einer Bohne und sind nicht größer wie eine geballte Faust. Ihre Aufgabe besteht darin, das Blut von überschüssigem Wasser, Salzen und vor allem stickstoffhaltigen Stoffwechselschlacken zu reinigen. Das dabei entstehende Ausscheidungsprodukt ist der Urin.
Innerhalb von 24 Std. produzieren die Nieren 1-2 Liter Urin. Dieser wird kontinuierlich gebildet und im sogenannten Nierenbecken für den Transport in die Harnblase gesammelt. Die beiden Harnleiter, die vom Nierenbecken bis zum unteren Teil der Harnblase führen, enden direkt oberhalb der Harnröhre.
Durch wellenförmiges zusammenziehen der Muskeln im Nierenbecken und in den Harnleitern gelangt der Urin in die Harnblase. Derartige Kontraktionen erfolgen alle 20 - 30 Sekunden.

Harnblase
Die Harnblase könnte man als einen auf dem Kopf stehenden Muskelsack beschreiben. An der unteren Öffnung beginnt die Harnröhre. Dieser Sack fängt den ablaufenden Urin auf. Die Harnblase ist sehr dehnbar und kann bis zu einem halben Liter Urin sammeln. Die Urinmenge, die die Blase enthält, bis sich ein Bedürfnis zum Wasserlassen bemerkbar macht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Normalerweise fühlt man ein derartiges Bedürfnis wenn 250 bis 300 ml in der Blase sind.

Die Harnblase liegt hinter dem Schambein tief unten im Becken. Bei der Frau befindet sie sich vor der Scheide, beim Mann vor dem Enddarm.

Aufbau der Harnblase
Die innere Schicht der Blasenwand besteht aus einer stark gefalteten Schleimhaut, die sich unter der Füllung der Harnblase glättet. Die äußere Wandschicht wird von längs und ringförmig verlaufenden Lagen glatter Muskulatur gebildet. Die ringförmige Muskelschicht ist am Ausgang der Harnröhre mächtig verstärkt und bildet eine 1cm hohe Manschette, den Ringmuskel. Diesen Muskel nennt man den inneren Schließmuskel. Normalerweise schließt dieser Muskel fest und dicht ab. Wie die gesamte glatte Muskulatur ist auch dieser sehr widerstandsfähige Muskel in seiner Funktion von unseren Willen unabhängig.
Unter der Harnblase findet man eine 2 cm dicke Platte aus quergestreifter Muskulatur. Diese sogenannte Beckenbodenmuskulatur bildet den äußeren Schließmuskel unterhalb der Harnblase und rund um die Harnröhre. Der äußere Schließmuskel ist deshalb so wichtig, weil er wie jeder quergestreifte Muskel in seiner Funktion durch unseren Willen gesteuert werden kann. Die Beckenbodenmuskulatur weist außer dem Harnröhrendurchgang Lücken für den Durchtritt des Darms und bei der Frau für den der Scheide auf. Wird die Lage der Harnblase im Verhältnis zur Beckenbodenmuskulatur verändert, so kann es zu Inkontinenz kommen.

Harnröhre
Die Harnröhre leitet den Urin von der Harnblase aus dem Körper heraus. Bei Frauen ist die Harnröhre etwa 3-4cm lang. Sie verläuft in einem flachen Bogen hinter dem Schambein und endet in den äußeren Geschlechtsorganen. In der Harnröhre befinden sich kleine schleimproduzierende, taschenartige Drüsen.
Die Harnröhre ist durch ihren Aufbau und ihre Lage sehr empfindlich gegenüber Infektionen. Besonders Frauen bekommen sehr leicht eine Harnröhrenentzündung.
Beim Mann ist die Harnröhre etwa 20 cm lang und verläuft unterhalb der Blase durch die Vorsteherdrüse hindurch. Diese nur kastaniengrosse Drüse ist oft unterschiedlichen Erkrankungen ausgesetzt. Die Funktion der Prostata wird durch ein Hormon, das Testosteron, gesteuert. Die Absonderung dieses Hormons nimmt mit zunehmendem Alter ab. Bei vielen älteren Männern führt der Rückgang der Hormonproduktion zu einer Vergrößerung der Vorsteherdrüse (Prostatahypertrophie), wodurch es zu Harnentleerungsstörungen und Harntröpfeln kommen kann. In der Vorsteherdrüse wird ein schleimiges Sekret gebildet, welches die Samenflüssigkeit verdünnt.
Die männliche Harnröhre nimmt einen S förmigen Verlauf durch den Beckenboden und die äußeren Geschlechtsorgane.

Entleerungsmechanismus der Harnblase
Der scheinbar einfache Vorgang der Harnblasenentleerung bedarf einer komplizierten Kettenreaktion von Nervenimpulsen. Von der Harnblase gehen Nerven zum unteren teil des Rückenmarks. Wenn die Harnblase mit einer bestimmten Menge Urin gefüllt ist, (individuell unterschiedlich aber meist zwischen 250 u. 300 ml), kommt es zu einer Steigerung des Innendruckes der Blase, der wiederum eine Dehnung der Harnblasenwand verursacht.
Die in der Blasenwand befindlichen Nervenzellen registrieren diese Drucksteigerung und senden Impulse zum Blasenzentrum im Rückenmark. Dort werden die Signale auf die Nerven umgeschaltet, die ein Zusammenziehen, eine sog. Kontraktion , der Harnblasenmuskulatur auslösen. Gleichzeitig mit diesem Zusammenziehen öffnet sich der innere Schließmuskel im Harnblasenboden und eine Harnentleerung wird ermöglicht.

Auf diese weise erfolgt auch die Harnentleerung beim Kleinkind, d. h. über unbewußte Reflexmechanismen. Das Gehirn übt hier noch keinen steuernden Einfluß aus. Das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Rückenmark entwickelt sich sehr langsam, so daß das Kind erst im Alter von 2 bis 3 Jahren eine erste Kontrolle über die Harnblasenentleerung erlangt.
Wenn die Harnblase gefüllt ist, gehen Impulse von ihr über das Harnblasenzentrum im Rückenmark weiter zum Gehirn und es wird uns bewußt, daß wir Wasser lassen müssen. Das Gehirn kann hemmende Signale zur Harnblase entsenden, so daß es uns möglich ist, eine günstige Gelegenheit abzuwarten. Bei einem kleinen Kind hat das Gehirn noch keinen Einfluß auf die Blasenentleerung, so daß diese im Unterbewußtsein durch die oben beschriebenen Reflexabläufe erfolgt.
Um die Blasenentleerung willentlich steuern zu können, ist also ein ungestörtes Zusammenspiel zwischen Harnblase, Rückenmark und Gehirn erforderlich, welches erst ab dem 2.-3. Lebensjahr funktioniert.

Erst wenn Impulse von der Harnblase über das Rückenmarkzentrum und aufsteigend über das Rückenmark im Gehirn ankommen, wird uns bewußt, daß wir Wasserlassen müssen. Das Gehirn kann nun sowohl einen fördernden als auch einen hemmenden Einfluß auf die Harnblasenentleerung ausüben. Diese Signale werden von unserem Willen gesteuert. Man kann sagen, daß es zu den Aufgaben des Gehirns gehört, den Entleerungsreflex zu hemmen und den äußeren Schliessmuskel geschlossen zu halten, bis sich eine geeignete Gelegenheit zur Blasenentleerung bietet. In der Regel verspüren wir zunächst Harndrang und benötigen dann einige Zeit, um eine Toilette aufzusuchen.

Soll dort dann die Harnblase entleert werden, gibt das Gehirn aktivierende Impulse zum Harnblasenzentrum im Rückenmark ab, wodurch der Entleerungsreflex ausgelöst wird. Gleichzeitig erschlafft der äußere Schließmuskel ausgelöst durch unseren Willen. Das intensive zusammenziehen der Muskeln hat normalerweise einen kräftigen Harnstrahl zur Folge, wenn aber die Muskelkontraktion zu schwach ist oder wenn ein Hindernis in der Harnröhre vorliegt, resultiert daraus ein nur dünner Strahl. Nimmt man die Bauchmuskulatur zu Hilfe, d.h. man drückt, erfolgt die Entleerung mit größerer Kraft als es die Blasenmuskulatur allein vermag.

Störungen der Urinausscheidung
Bei Erkrankungen oder Verletzungen der Nerven, also bei neurologischen Krankheiten, kann das komplizierte Signalsystem, welches die Harnblasenentleerung steuert, ganz oder teilweise unterbrochen werden. Für jeden erkennbare Merkmale einer neurologischen Erkrankung sind u. a. Lähmungen, Schwäche der Gefühlswahrnehmung, Zittern, Gleichgewichtsstörungen und Nachlassen der Sehkraft.

Die Ursache dieser Erkrankungen ist unterschiedlich, sie können angeboren oder später erworben sein. Unter ihnen findet man Entzündungen, Tumoren oder Gefässerkrankungen, aber auch äußere Gewalteinwirkung wie z.B. durch Verkehrsunfälle. In der Bundesrepublik leben ca. 400.000 Menschen mit Behinderungen durch neurologische Erkrankungen. Viele von ihnen leiden durch diese Krankheit an einer gestörten Blasen- und/oder Darmfunktion.

Blasenstörungen, die durch Nervenschädigung entstehen, werden neurogene Blasenstörungen genannt. Die Schädigungen äußern sich auf unterschiedliche Weise, je nachdem ob das Gehirn, das Rückenmark oder die Nerven zwischen Harnblase und Rückenmark betroffen sind. Auch das ganze Nervensystem kann in diesen Prozeß mit einbezogen sein wie beispielsweise bei der Multiplen Sklerose.

Auch bei der häufig im Alter auftretenden Zuckerkrankheit können Nervenschädigungen auftreten, die durch Gefühllosigkeit gekennzeichnet sind. Das Ergebnis ist dann eine übervolle, große schlaffe Harnblase die von Zeit zu Zeit künstlich mittels eines Schlauches, eines sogenannten Katheters entleert werden muß. Oft werden auch Medikamente eingesetzt, die Blasenmuskulatur zusammenziehen sollen.
Sind die Nerven, die vom Rückenmark zur Harnblase ziehen, geschädigt, fühlt der Betroffenen zwar, daß die Blase voll ist, er kann sie aber nicht entleeren. Er kann denn nur entweder selbst oder mit Hilfe einer anderen Person durch Druck auf die Blasengegend eine Harnausscheidung ermöglichen.
Falls sowohl die Nerven, die von der Blase zum Rückenmark, als auch die Nerven die vom Rückenmark zur Blase verlaufen geschädigt sind, fallen sämtliche Impulse zwischen Rückenmark und Blase aus. Diese Art der Blasenstörung nennt man "Selbständige oder Autonome Blase". Hierbei fühlt der Betroffene weder, wenn die Blase voll ist, noch funktioniert der Entleerungsreflex. Ein Person mit dieser Schädigung hat eine große schlaffe Blase, die sich nicht mehr zusammenziehen kann. Die Beckenbodenmuskulatur und die Muskulatur der Harnröhre erschlaffen, besonders dann wenn sich der Betroffene nur im Rollstuhl fortbewegen kann. Das Ergebnis ist eine übervolle fast immer undicht Harnblase. Diese Schäden entstehen z.B. durch Verkehrsunfälle oder durch Tumoren im unteren teil des Rückenmarks.
Die Entleerung kann entweder durch Arzneimittel erleichtert oder durch manuelle Behandlung, nämlich Druck auf die Blasengegend, sowie regelmäßiges Katheterisieren oder durch einen Dauerkatheter bewerkstelligt werden.

Ist das Rückenmark oberhalb des Blasenzentrums geschädigt, entsteht eine sogenannte Reflexblase. Die Reflexabläufe zwischen Harnblase und Rückenmark sind in Ordnung, aber das Zusammenspiel mit den übergeordneten Zentren im Gehirn ist gestört. Diese Schäden können durch Unfälle entstehen, bei denen die Nervenbahnen im Rückenmark unterbrochen sind. Die Reflexblase ist eine regelmäßige Folgeerscheinung Bei Querschnittlähmungen. Sie entleert sich schon bei relativ geringer Harnbildung, weil der Hemmende Einfluß des Gehirns ausgefallen ist. Die Entleerung ist meist unvollständig, so daß es leicht zu hartnäckigen Harnwegsinfektionen kommen kann. Patienten mit einer Reflexblase bemerken nicht, wenn die blase voll ist, und daher kann ein ständiger leichter Urinabgbang auftreten. Die Entleerungsreflexe können jedoch durch leichtes beklopfen der unteren Bauchregion oder durch reiben der Oberschenkelinnenseite stimuliert werden. Der Betroffene kann diese Technik leicht selbst erlernen und anwenden.

Liegt eine Schädigung des Blasenzentrums im Gehirn vor, etwa bei älteren Menschen mit Gehirndurchblutungsstörungen oder Thrombosen im Gehirn aber auch bei gewissen Tumoren, so entsteht eine sogenannte ungehemmte Blase. Hierbei treten nicht kontrollierbare Signale zur Harnblasenentleerung auf. Die Beschwerden können häufig durch Medikamente gelindert werden, die den Entleerungsreflex dämpfen.

Bevor der Arzt nun eine Behandlung der Inkontinenz einleitet, muß zuerst lokalisiert werden, wo der Schaden sitzt.


© Dr. rer. medic. Jürgen W. H. Niebuhr